Die Kombination klassischer Stilmittel mit ungewöhnlicher Präsentation, das zum Bildelement werdende Untergrundmaterial und die sparsam eingesetzten ausdrucksstarken Farben machen die Bilder der Künstlerin Ana Sojor zu Kunstwerken von sprechender Intensität.

Die Künstlerin lässt uns in ihren Werken vor allem Frauen begegnen. Es sind eindrucksvolle Begegnungen, die uns neugierig machen. Die Bilder wecken Ahnungen, die Frauen geben sich bloss, setzen sich den Blicken der fremden Betrachter in all ihrer Verletzlichkeit aus und behalten doch ihr Geheimnis.

Die Ölgemälde von Ana Sojor sind vielschichtig, vielschichtig im wahrsten Sinne des Wortes. Es braucht Zeit bis wir alle Aspekte und Details dieser aussergewöhnlichen Malereien in uns aufgenommen haben. Wir finden Elemente der Ikonenmalerei ebenso wie Graffiti und Collage. Die Struktur des als Bildträger verwendeten Holzplanken oder darauf verbliebene Tapeten- oder Plakatreste werden integriert und bestehen weiter als Bildelement wie der Schatten einer Erinnerung. Die verwitterte Farbigkeit des Holzes wird aufgegriffen und verstärkt die melancholische Ausstrahlung der Arbeiten.

Vergänglichkeit als Thema taucht ebenso wieder auf in der Wahl alter hölzerner Brotbackformen aus einer abgerissenen Brotfabrik als Bildträger. Sie erinnern an kleine gerahmte Photographien, wie sie auf südeuropäischen Friedhöfen zu finden sind und welche auch in anderen Arbeiten Ana Sojors auftauchen. Auch hier werden Menschen abgebildet. Es sind kleine Portraits von Männern und Frauen, auf die verschiedensten Weisen «eingeschrieben» in die hölzernen Schalen. Doch scheinen sie durch die gewählte Darstellungsform weit mehr zu erzählen.

Alle Werke lassen die Liebe der Künstlerin zu Spanien und zur spanischen Kultur erkennen. Leidenschaft und Stolz, die auch dem Flamenco, der anderen grossen Passion der Künstlerin, eigen sind, leuchten auf in den Gesichtszügen oder der Haltung der Frauen in den grossen Bildern. Die eigenwilligen, nicht einem oberflächlichen Schönheitsideal entsprechenden Körper der Frauen vermitteln den Eindruck von Fragilität und verborgener Erotik. Die Formate der Gemälde sind Teil des Bildaufbaus und lassen sich wie die Frauen, deren Bildnisse sie tragen, keiner Norm unterordnen.

Ana Sojors Arbeiten sind spannend und poetisch zugleich. Sie erzählen Geschichten. Die Ausdrucksmittel verbinden sich zu einer gelungenen Synthese von klassischer Formgebung und modernen Stilmitteln.

Ute Jautze-Dissmann